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Das Dorf

Der folgende Text entstammt hauptsächlich der Festschrift aus dem Jahr 2021. Unser Dorf Virnsberg kommt mit Boxau und Kemmathen auf circa 350 Einwohner. Oftmals erhalten Dörfer dieser Größe das Prädikat „langweilig“. Das trifft auf Virnsberg aber ganz und gar nicht zu. Auch in dieser Festschrift wollen wir es nicht verpassen, unserer Heimat mit ein paar Zeilen eine Hommage zu Teil werden zu lassen.

Markantes Wahrzeichen

Überregional ist unser Dorf vor allem durch unser Wahrzeichen, das Schloss, bekannt. 2017 wurde durch den Verkauf an einen neuen Eigentümer eine neue Ära eingeläutet. Nahezu alle Virnsberger hoffen, dass der neue Prinz das Schloss aus dem Dornröschenschlaf weckt und „unserem“ Schloss zu neuem Glanz verhilft. Die „Skyline“ in Virnsberg wäre aber ohne die St. Dionysius Kirche in Verbindung mit dem Gasthaus „Zum Kreuz“ unvollständig. Für weiteres touristisches Interesse sorgt das „Heilige Grab“ im Schafhof. Bereits frühzeitig beeindruckte das kleine Dorf durch seine Lage und seinen Charme.

Nach Verlassen des Waldes bleibt der Wanderer unwillkürlich überrascht stehen. Ein Bild von bezauberndem Liebreize liegt vor seinen Augen. Wie ein Märchen grüßt Schloß und Dorf Virnsberg wunderschön, gleich einer Dornröschenburg. Ringsum Wald, prächtiger, hochstämmiger Wald, tief im Grunde das stille Dorf, auf einem Hügel das Schloß mit seinem einzigartigen Turm, hoch oben die Straße, steile berglehnen auf drei Seiten, ein Anblick von unbeschreiblicher Anmut. beim Eingang ins dorf grüßt eine Kreuzigungsstation. dem Wanderer dünkt dies verwunderlich. Ringsum ist rein protestantisches Gebiet, nur Virnsberg, Neustetten, Sondernohe und die Hälfte von Unter-Altenbernheim haben sich den katholischen Glauben bewahrt. Es war eben dies kein ansbachisches- land, das Gebiet gehörte ehemals den deutschordensrittern und diese hielten treu zum alten Glauben, während das Ansbacher land auf befehl der Markgrafen den protestantischen Glauben annehmen mussten.

Bayerische Volkszeitung 24.10.1925

Ein ganz eigener Charakter

Wenn die vorangegangenen zeilen den Eindruck vermittelt haben könnten, dass es in Virnsberg gar verschlafen zugehen sollte, dann soll jetzt gleich die Korrektur hierzu folgen. Die Kernfrage, wie man denn Virnsberg charakterisieren sollte, kann nicht auf anhieb beantwortet werden. Vielleicht hilft ein rhetorisches Bild dem Leser, hinter den Charakter des Dorfes zu kommen. So stelle man sich das Lied „I did it my way“ von Frank Sinatra in einer Blasmusikversion vor. In Kombination mit dem „Gallischen Dorf“ aus den Asterix-Comics formt sich langsam ein verständliches Bild. Die Virnsberger lieben ihr Dorf, einen „Majestix“ im Dorf gibt es seit der Gebietsreform 1978 nicht mehr. Man lebt mit und füreinander. Auch wenn hier und da „Automatix“ und „Verleihnix“ aneinander geraten können, beim großen Grillfest in der Nacht sitzen doch wieder alle friedlich und bei guter Laune zusammen. Gesanglich dürfen sich dann auch die „Troubadixe“ komplett austoben. Das ist die perfekte Überleitung zum Gesangsverein Virnsberg, der von 1949 bis 1957 existierte. Heute sind es noch sechs Vereine, die in unterschiedlichen Tätigkeitsbereichen das ganze Jahr über für Abwechslung und Unterhaltung sorgen. Sie sind der gesellschaftliche Kleber im Dorf und bauen dabei auf das Engagement ihrer Mitglieder. Selbstredend, dass die meisten in Virnsberg in mehreren Vereinen aktiv sind. Neben den beiden Jubiläumsvereinen vertritt der Obst- und Gartenbauverein die Interessen der Gartenfreunde, die Blaskapelle sorgt für die musikalische Umrahmung verschiedenster Ereignisse, die Kolpingsfamilie darf in einem katholischen Dorf nicht fehlen und die Floriansjünger der Freiwilligen Feuerwehr stehen für ihre Mitbürger in der Gefahr ein. Dieses Miteinander kommt auch bei Auswärtigen gut an. Dem Trend zum Trotz, erfreute sich das Dorf kürzlich relativ zahlreicher „Zuagroaster“, die nicht nur neuen Wind und Schaffenskraft bringen, sondern auch das Dorfleben bereichern und teils leere Häuser wiederbeleben. Fremd ist man in Virnsberg als „Neuer“ nicht sehr lange, es sei denn, man möchte es unbedingt bleiben. Hilflosigkeit, wie man sie oftmals in der Stadt kennt, ist quasi ausgeschlossen. Die Integration über Nachbarn oder Vereine ist der Schlüssel.

Historisch bedeutsam, in der Gegenwart bekannt

Die Geschichte Virnsbergs ist stark mit dem Wahrzeichen, dem Schloss verbunden. Man darf abermals die Volkszeitung an dieser Stelle zitieren, die den historischen Abriss zu Virnsberg in einem Wanderbericht wie folgt formuliert:

Über die Deutung des Namens Virnsberg wurde schon manches geschrieben. In den Urkunden heißt es einmal Virsberg, dann Fürnsberg. Unter ‚Firsberg‘ dachte man sich ‚Feuerberg‘, jedenfall um eine namensbedeutende Beziehung zu einem heidnischen Opferberg zu haben. Die Abstammung dürfte wohl mit den weiten Föhrenwäldern zusammenhängen, die Virnsberg umsäumen, also ‚Föhrenberg‘. Die prächtigen Wälder hießen in allerältester Zeit ‚Vircuna‘, jedenfalls eine Entstellung von Virngrund, also Föhrengrund. In unserer Umgebung haben wir ein ‚Fürnried‘ in der Oberpfalz und dürften ähnliche Ortsnamen noch öfters zu finden sein. In der Sage geht die Geschichte der Burg bis in die Heidenzeit zurück. Das Volk lässt die Burg von zwei Riesen erbauen, das Gestein dazu, so sagt der Volksmund, wurde auf dem Rücken von Maultieren herbeigeschafft. Man nimmt an, dass an der Stelle der Burg ein altdeutscher Kultplatz gewesen sei und bringt damit den in der Nähe befindlichen angeblich 1200 Jahre alten Speierlingsbaum in Verbindung, über den später noch einiges gesagt werden soll. Der hochgelehrte Emanuel Wilhelm Detter lässt in der Geschichte der Burggrafen von Nürnberg den Ursprung der Burg in die römische Zeit zurück gehen. Nach diesem ist das benachbarte Burgbernheim, das früher Schönburg hieß, von Mark Aurel Antonin, römischer Kaiser um 170 oder 171 nach Christi Geburt, gegründet und dabei auch schon ‚Fyrnsberg‘ erwähnt worden. Es soll darüber eine Urkunde vorhanden sein, die von Kaiser Karl dem Großen stammen und 1128 von Kaiser Lothar bestätigt worden sein soll. Interessant ist es, daß das uralte Fraischrecht (Anm.: hohe Gerichtsbarkeit) Burgbernheim‚ bis ans torbrugt Fyrnsbergs‘ ging, wie es in der Urkunde heißt und daß diese Bevorzugung Virnsberg daher rühren sollte, daß Virnsberg als uralte geheiligte Opferstätte seiner Natur nach höher stand, als Menschenwert und daß daher Karl der Große aus dem Rechtsbezirk seiner geliebten Schönburg Virnsberg ausgenommen wissen wollte. Bis 1235 ist Virnsberg eine reichsunmittelbare Burg, auf der die Herren von Fyrs- oder Virnsberg geherrscht haben. Ludwig und Ulberich (Anm.: andere Quellen berichten von Alberich und dem Bau der Burg im 11. Jahrhundert) von Virnsberg sind die letzten ihres Geschlechts. Unter Friedrich dem Hohenstaufen kam die Burg in den Besitz derer von Hohenlohe, von diesen die Hohenzollern, die die Burg 1294 den Deutschordensherren geschenkt haben. Bis 1806 blieb sie im Besitz des Ordens, durch die Säkularisation kam sie an Bayern und ab 1815 in Privatbesitz. Virnsberg war unter den Deutschherren ein Fürstentum, dessen Grenzen ziemlich umfangreich waren. Der erste Kommenthur war 1296 Friedrich Burggraf zu Nürnberg, ihm folgte 376 Virnsberger Doppeljubiläum 2021 VIrnsBerG Konrad, ebenfalls burggraf zu Nürnberg. Noch ein burggraf zu Nürnberg, bechtold, der zugleich bischof von Eichstätt war, regierte als Kommenthur zu Virnsberg von 1350 – 1363. In der Mitte des 14. Jahrhunderts war das besitztum Virnsberg als eines der begüterten Häuser in ganz Franken bekannt. Ein Wolfgang von Ensenherren, 1487 Kommenthur zu Ellingen bei Weißenburg und dietrich von Rechtenstein, 1489 Kommenthur, bauten eine neue befestigte Toranlage und jedenfalls eine zweite Ringmauer gegen Westen. 1535 wurde eine dritte Ringmauer nach Süden gebaut. 1552 nahm Markgraf Alcibiades von Ansbach die burg Virnsberg im Sturm, jedoch erhielt der orden sein besitztum zum Teil wieder zurück und es wurden neue gewaltige Neubefestigungen vorgenommen. Adam von Klingelbach ließ 1588 das obere Schloß ausbauen. 1575 wurde der sogenannte Kemnatshof angekauft, der also bis dahin ein freier besitz war, trotzdem er in allernächster Nähe der burg lag. der heutige bau des Schloßes stammt größtenteils aus dem 18. Jahrhundert.

Bayerische Volkszeitung 24.10.1925

Dass Virnsberg im nördlichen, hauptsächlich protestantischen landkreis ansbach stets in seiner eigenart Besonderheiten erzeugte, beweist folgende Quelle:

Im landgerichtsbezirk Ansbach sind am 11. Juli 1818 zunächst 24 Gemeinden gebildet gewesen. diese neue Einteilung führte zu zahlreichen Unzuträglichkeiten. So beantragten bereits im Jahre 1818 die Gemeinden Neustetten und Sondernohe die Abtrennung von Virnsberg. Am 12. Juni 1824 wurde die Gemeinde Virnsberg aufgeteilt in die Gemeinden Neustetten mit den ortschaften Neustetten, Berglein, Dörflein, Schmalenbühl, Hainklingen und lockenmühle, und Virnsberg mit den ortschaften boxau und Kemmathen sowie Sondernohe.

Landrat Ldk. Ansbach Konrad Rosenhauer aus der Geschichte des Landkreises Ansbach, S. 10

Ebenso im engen Zusammenhang mit der Geschichte des Schlosses steht dieselbige der Virnsberger St. Dionysius Kirche. Die im Jahr 1910 ausgehandelte Ablösesumme für die Nutzungsrechte im Schloss in Höhe von 55.000 Mark (etwa 350.000 €) bildete so den Grundstock für den Bau der hiesigen Pfarrkirche und des Pfarrhauses. Die bauliche Instandhaltungs- und Unterhaltungspflicht der beiden Gebäude gingen dabei auf den bayerischen Staat über. Ursprünglich war angedacht, das neue Gotteshaus zwischen Virnsberg und Boxau, auf einer zum Schlossgut gehörenden Wiese, dem sogenannten Kalkacker, zu errichten. Der Virnsberger Gemeinde- und Pfarrgemeinderat war jedoch dagegen und wollte endlich „die Kirche im Dorf“ haben. So dauerte es noch vier weitere Jahre, bis man sich über den Standort geeinigt hatte und mit dem Bau auf einem vom „Gastwirt Scheidl“ erworbenen Grundstück begonnen werden konnte. Im Jahr 1915, während des 1. Weltkrieges, wurde mit dem Bau der Pfarrkirche begonnen. Das zwischen Mai 1915 und Oktober 1917 errichtete Gotteshaus bildet zusammen mit dem Deutschordensschloss ein sehr reizvolles Ensemble und ein beliebtes Fotomotiv. Am 14. Oktober 1917 wurde die Kirche zum ersten Mal geweiht. Das 100-jährige Kirchweihjubiläum mit Besuch des Bamberger Erzbischofs Dr. Ludwig Schick wurde im Jahr 2017 mit einer besonderen Kerwa samt FLZ vom 10. Oktober 1980 378 Virnsberger Doppeljubiläum 2021 Virnsberg Kerwaumzug und -zeitung gefeiert.

Die Kommenthuren von Virnsberg hatten in den benachbarten Sondernohe eine große Kirche gebaut, um dem katholischen Gebieten ein eigenes Gotteshaus zu geben, nachdem sich im Laufe der Zeit die Schloßkapelle als zu klein erwiesen hatte. Es blieb aber der Brauch bestehen, die Schloßkapelle trotzdem als öffentliches Gotteshaus zu benutzen und war für den Schloßgeistlichen ein besonderes Gebäude im Schloß von jeher bestimmt gewesen. Als nun die nachmaligen Besitzer das Schloß käuflich erworben hatten, gab es Reibereien zwischen dem Schloßgeistlichen und den Besitzern wegen der Wohnung und dem öffentlichen Gottesdienst. Sie vertraten die Ansicht, daß der Schloßgeistliche im Schloße nichts zu suchen habe und die Kapelle persönliches Eigentum sei, demzufolge auch kein öffentlicher Gottesdienst dort abzuhalten sei. Die Leute sollten nach Sondernohe gehen und dort ihren religiösen Verpflichtungen obliegen. Aus diesen Streitgkeiten heraus kam es zu einem Prozeß, den der jetzige Besitzer, Baron Friesen, verlor. Er wurde verurteilt, entweder den alten Brauch weiter zu gestatten oder eine neue Kirche und ein neues Pfarrhaus zu bauen. Baron Friesen wählte letzteres. In der neuen Pfarrkirche in Virnsberg ist besonders das schöne Gestuhl und die Kanzel sehenswert, aus der Ordenskapelle stammend ebenso die Kirchengeräte. Die bereits gestreiften Reibereien zwischen Geistlichen und Schloßherren ließen Graf Wagner, den Vorbesitzer des Schloßes, ein Büchlein verfassen, das recht ergötzlich zu lesen ist. Wie er da den ehemaligen bayerischen Gendarmen wegen des Bajonetts am Gewehre behandelt, den bayerischen Bauer mit dem feststehenden Messer, besonders den Schloßgeistlichen und die Virnsberger Landsleute – die er anscheinend besonders lieb hatte – einige Würzburger Bischöfe, denen er alles nachrühmt, nur nichts Gutes, der Kommenthuren der Ordensritter, den damaligen deutschen Kaiser Wilhelm, dem Militär, kurz dem ganzen deutschen Wesen, das war alles so stark, dass das Büchlein sofort nach dem Erscheinen beschlagnahmt wurde und der Graf genötigt war, alle verkauften Exemplare an sich zu bringen, um nicht unter das Strafgesetz zu fallen. Unter der Herrschaft der Ordensritter hatte das Dörfchen, das damals den Namen ‚Steinweg‘ führte, seine schönste Zeit. Zwei aus dem Jahr 1599 stammende Urkunden, die heute noch vorhanden sind, sorgten für richtige Ausnutzung der Wald-, Virnsberger Doppeljubiläum 2021 379 Hütungs-, Weide- und sonstigen Gerechtsame, in die sich um die Burg herumliegenden Gemeinden Boxau, Kemnathen (sic!) nebst Virnsberg teilten. Im Dorfe war ein Krankenhaus, ein Schul-, ein Amts- und ein Forsthaus. Eine Wasserleitung sorgte für frisches Trinkwasser. Das Dorf erfreute sich einer gewissen Wohlhabenheit, die heute noch aus den Baulichkeiten spricht, aber bei den Bewohnern leider nicht mehr vorhanden ist.

Bayerische Volkszeitung 24.10.1925

Virnsberg, zusammen mit den Nachbarortschaften Sondernohe und Neustetten, ist eine katholische Enklave im sonst sehr protestantischen West-Mittelfranken.

Der zweite nicht markgräfliche Bestandteil des Landkreises ist das Gebiet des Deutschen Ordens um Virnsberg - Sondernohe. Seit 1294 gehörte Virnsberg mit allen Zugehörungen dem Deutschen Orden. Jahrhunderte hindurch konnte der Komtur zu Virnsberg sein Ordensland regieren und das hochragende Ordensschloß ausbauen. Durch die Reformation gingen ihm allerdings die Pfarreien um Dachstetten und um Ergersheim-Ermetzhofen größtenteils verloren, doch blieben Virnsberg, Sondernohe und ein Anteil an Unteraltenbernheim nebst Neustetten, Wippenauhof erhalten. Als Hardenberg 1796 die im Ansbacher Land zerstreuten Deutschordensgebiete dem preußischen Staat einverleibte, wurde die kleine Virnsberger Commende übersehen, erst 1806 kam sie durch Napoleons Gebot an Bayern, drei Jahre bevor er den Deutschen Orden mit Hauptsitz zu Mergentheim überhaupt aufhob. Die weißen Ordensmäntel mit dem schwarzen Ordenskreuz sind seitdem aus Virnsberg verschwunden.

Landrat Ldk. Ansbach Konrad Rosenhauer Aus der Geschichte des Landkreises Ansbach, S. 9 - 10

Die Mariä Himmelfahrt Kirche im Nachbarort Sondernohe ist immer wieder Treffpunkt des Deutschordens. Die Mitglieder des Ordens treten dann mit den schwarzen Ge- Virnsberg Pfarrer Dieter Hinz 380 Virnsberger Doppeljubiläum 2021 Virnsberg wändern und dem Ordenskreuz auf und machen von Zeit zu Zeit auch einen Abstecher nach Virnsberg. Erst im Jahr 2019 wurde der Virnsberger Pfarrer Dieter Hinz in den Orden aufgenommen. Somit kann die obige Quelle diesbezüglich auch in der Jetztzeit zumindest etwas korrigiert werden. Die Einrichtung der Pfarrkirche stammt, mit Ausnahme der Seitenaltäre, aus der ehemaligen Schlosskirche, so etwa die Kanzel, Bänke, die Orgel und die Deckengemälde. In der Denkmalliste des Freistaates Bayern heißt es lapidar wie folgt:

Die Pfarrkirche Virnsberg, ein Saalbau mit eingezogenen, dreiseitig geschlossenen Chor, Turm mit Oktogon und Schweifhaube im nordwestlichen Chorwinkel, Sakristeianbau gegenüber im Westen. Außenbau in schlichtem Jugendstil durch Lisensen, profiliertem Trauf- und Giebelgesims sowie Werksteinelemente gegliedert

Die gesamte Niederschrift von Klaus Büchler zum Kirchenbau kann in der Kerwazeitung 2017 anlässlich des 100-jährigen Jubiläums nachgelesen werden. Zusätzlich zu den beiden Ortsbild prägenden Großbauten darf an dieser Stelle auch das Museum des Heiligen Grabes nicht vergessen werden. Das Kulissengrab, das schätzungsweise von 1765 bis 1770 erschaffen wurde, ist im eigens dafür errichteten Museum im Schafhof ganzjährig hinter Glas zu besichtigen. In seiner Art ist das Werk in Nordbayern einzigartig. Vermutlich war sein originäer Bestimmungsort die Kapelle im Schloss Virnsberg. Bevor die Virnsberger Nachbildung des Grabes Jesu einen festen Ausstellungsplatz im 2002 eröffneten Museum bekam, wurde es bis in die 1960er Jahre jährlich in der Karwoche in der St. Dionysius Kirche aufgebaut, ehe es Das „Heilige Grab“ im Museumsraum des Schafhofs wieder auf dem Virnsberger Doppeljubiläum 2021 381 Virnsberg kirchlichen Dachboden eingelagert worden war. Erst in den 1980er Jahren feierte das Heilige Grab eine Wiederentdeckung und wurde zu Ostern wiederum in der Kirche installiert. Für eine Viertel Million Mark restaurierte die Erzdiozöse Bamberg das Kunstwerk, für eine knappe halbe Million D-Mark entstand das Museumsgebäude. Markante Häuser in Virnsberg sind weiterhin das „Gefängnis“ im Schafhof, sowie das „Alte Schulhaus“ in der Schlotfegergasse.

So wurde im Jahre 1532 das Spital der Deutschordenskomende (das jetzige Schulhaus) erbaut. Es enthielt eine Hauskapelle mit prächtiger Stuckdecke und 14 Krankenzimmer. Unter Komtur Freiherrn von Eyb erhielt dieses Hospital durch Baumeister Johann Georg Scholl eine prächtige Schauseite mit Barockportal und dem Deutschordenswappen (etwa 1750 - 1764). Landkomtur Philipp Waldecker von Kempff (1750) errichtete das ehemalige Schulhaus des Deutschordens mit Wappen. Sehenswert ist ferner das ehemalige Fronhaus und Gefängnis des Deutschen Ordens, unter Fränkische Landeszeitung, 20.10.2020 382 Virnsberger Doppeljubiläum 2021 Virnsberg Landeskomtur Freiherrn von Lehrbach (1769-1787) erbaut, mit Rokokoornamenten (sic!), Eyb‘schem und Deutschordenswappen sowie das Gasthaus zum Kreuz mit seinem Fachwerk, der Barockmadonna und dem schönen gußeisernen Öfen im Inneren.

Heimatbuch Landkreis Ansbach, 1964, S. 202

Das Pfarrhaus, welches in Kürze zum Verkauf steht, ist ebenso ein bildgebender Punkt entlang der Dorfstraße. Eine große Linde am Pfarrhaus wurde im Jahr 2012 derart zurückgestutzt, dass diese (sie war bereits hohl) 2019 endgültig einem neuen Baum weichen musste. Die Straße selbst wird von zwei Martersäulen geziert. Weitere Säulen befinden sich in Boxau auf dem Verbindungsweg zwischen Schützenhaus und Staatsstraße AN21 sowie auf halber Strecke auf der AN21 zwischen Boxau und Sondernohe. Im immer schlechter werdenden Zustand befindet sich der sogenannte „Alte Turm“ zwischen der gleichnamigen Siedlung und der Siedlung „Käppele“. Die darin wachsende Eiche ist in dieser Kombination wahrscheinlich einzigartig. Wie alt der Turm ist, lässt sich schwer genau sagen. Vermutlich hatte die Eiche die Funktion eines Friedenszeichens, welche von einem Heimkehrer des Deutsch- Französischen Krieges 1870 gepflanzt worden sein sollen. Im Turm soll früher bei Hinrichtungen eine Glocke geläutet haben.  

Ein Virnsberger Naturdenkmal, an welches heute nur noch ein gleichnamiger Weg erinnert, muss ebenso beeindruckend gewesen sein. Der Fußweg um den Berg herum heißt ,Speierlingsweg‘, wegen des am Wege stehenden Speierlingsbaumes. [...] Der Baum ist bei uns sehr selten. Man kennt in Bayern nur ein Exemplar, das 35 cm Durchmesser hat und als zweitgrößtes Bayern bezeichnet wird. Es wird von dem Baum in Virnsberg um das Virnsberger Pfarrhaus mit der großen, alten Linde im Jahr 2012 vielfache überVirnsberger Doppeljubiläum 2021 383 Virnsberg troffen, dieser hat vier Meter im Umfang. Ob das Alter von 1200 Jahren, das man ihm zugesteht, stimmt, ist ungewiß. Jedenfalls aber wachsen diese Bäume sehr langsam und man kann dem Virnsberger Exemplar wohl ein sehr hohes Alter zuschreiben, denn der ‚Speierlingsweg‘ wird schon in den ältesten Urkunden erwähnt. Jedenfalls standen einst mehrere dieser Bäume an dem besagten Wege, die ihm den Namen gaben. Der Baum ist heute leider nur noch eine Ruine. Der Stamm ist hohl, das Innere wurde in diesem Jahre ausgemauert. Aber er blüht und grünt deswegen doch prächtig fort und bringt fast jedes Jahr eine Menge Früchte. Als Naturdenkmal genießt er behördlichen Schutz und darf nicht entfernt oder beschädigt werden.

Bayerische Volkszeitung 24.10.1925

Scheinbar war das Virnsberger Exemplar wirklich beeindruckend, wie die nachfolgenden Zeilen aus einem Buch für Speierlingexperten belegen. Heute sind Speierlingsexemplare wiederum in Virnsberg und Sondernohe beheimatet.  

Der stärkste bekannte Speierling Deutschlands stand in Virnsberg, Mittelfranken. Er hat kurz vor seinem Alterstod in den sechziger Jahren dieses Jahrhunderts einen Umfang von 445 cm und damit einen Brusthöhendurchmesser von 142 cm. In den letzten 50 Jahren weist dieser Baum (Abb.47) noch einen Durchmesserzuwachs von 16 cm auf, was einer durchschnittlichen Jahrringbreite von 1,6 mm entspricht.

‚Der Speierling‘, W. v. Schmeling, 2000, S. 41

Drechslerhandwerk

Geschichtlich war in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg das Dorf vom Drechslerhandwerk geprägt . Zahl lose Drechsler fer tigten als Zubrot zur Landwirtschaft Pinselstile, Nudelhölzer und alles, was an der Drechselbank entstehen kann. Das Drechslerwappen ist heute nur noch am Kerwabaum zu sehen und die Zahl der noch aktiven Drechsler hat sich nur auf Georg Strauß in Kemmathen reduziert. Im Gegensatz zum Drechslerwappen hat das Wappen des Adelsgeschlechts „von Friesen“ mit dem Halbmond und dem charakteristischen halben Stern an zahlreichen Fassaden in Virnsberg und im Schloss nach wie vor einen Platz. In der Nachkriegszeit war der Glanz der alten „von Friesen“-Tage dem sehr ländlichen Alltag gewichen. Das Schloss war nach dem Krieg Auffanglager, Kindergarten, Seniorenheim oder auch einfacher Stall.

Politisch autark: Gemeinde Virnsberg

Als selbstständige Gemeinde hatte Virnsberg das Zepter selbst in der Hand. Politische Anstrengungen brachten den Fortschritt voran:

ie Gemeinde Virnsberg zählt 407 Einwohner und umfaßt eine Gebietsfläche von 474 ha. Aus der Pfarrgeschichte geht hervor, daß die Komtureikaplanei nach dem Einzug des Deutschordens in die Burg im Jahre 1294 eingerichtet wurde, nach Untergang des Ordens zu Sondernohe kam, 1827 in eine Lokalkaplanei, 1851 in eine Pfarrkuratie und 1896 zur selbständigen Pfarrei umgewandelt worden ist. 1962/63 erfolgte der Umbau des Schulhauses, das einen Gruppenraum und sanitäre Einrichtungen erhielt. In verhältnismäßig kurzer Zeit gelang es der Gemeinde, dringende Vorhaben unter hohen finanziellen Opfern zu verwirklichen. Hervorzuheben ist: 1959 die Erstellung einer zentralen Wasserversorgung für Virnsberg, Kemmathen und Boxau 365 000 DM. Straßenbau und Ortverschönerung beanspruchten etwa 200 000 DM. Weitere Baumaßnahmen erstrecken sich auf die Erweiterung des Friedhofs (1956), die Instandsetzung des Kriegerdenkmals und auf die im Notstandsprogramm 1952 vorgesehene Kemmather- Steige, sowie die Ortsteilkanalisation am Fischbuck. Der Schloßverkauf (1954), zu dem Wald, Felder und Wiesen gehörten, hat der Gemeinde einen wirtschaftlichen Aufschwung gegeben. Viele Vorhaben stehen auf dem Planungsprogramm. Kanalisation der Gemeinde. Schulhausbau, Straßenverbesserungen. Ortsvergrößerung durch Wohnhaussiedungen. Fremdenverkehrswerbung.

Heimatbuch Landkreis Ansbach, 1964, S. 202

Bürgermeister von Virnsberg

Jahr
Name
Wohnort
1731
Kremer, Hans Leonhardt
Virnsberg
1737
Rösch, Joseph
Virnsberg
1739
Rosner, Stephan
Virnsberg
1743
Rogelmayer, Michael
Virnsberg
1771
Sattler, Andreas
Virnsberg
1787
Rupp, Veit
Virnsberg
1791
Kremer, Franz Anton
Virnsberg
1798
Adelhardt, Georg Dominikus
Virnsberg
1806
Rosner, Veit
Virnsberg
1814
Büttner, Andreas
Virnsberg
1816
Braun, Joseph
Virnsberg
1832
Rupp, Joseph
Boxau
1837
Rösch, Joseph
Virnsberg
1855
Herrgottshöfer, Michael
Kemmathen
1863
Scheidel, Johann
Virnsberg
1903
Krämer, Jakob Johann
Virnsberg
1922
Rupp, Johann
Virnsberg
1935
Weinmann, Simon
Virnsberg
1945
Rupp, Johann
Virnsberg
1946
Pfeiffer, Franz Anton
Virnsberg
1962
Dämpfling, Georg
Virnsberg
1968
Rupp, Johann
Boxau
Die Infrastruktur der Gemeinde wurde Anfang der 1950er Jahre in Angriff genommen. Dabei setzte man auf zwei Dinge: Muskelkraft und Freiwilligkeit. Maschinen standen genauso wenig zur Verfügung wie ein Budget für die Fremdvergabe von Baumaßnahmen. Das Kanalnetz wurde deshalb Stück für Stück mit der Hand ausgegraben. Bis zu acht Meter reichten laut Erzählungen damaliger helfer die Grabenschächte auf der Straße in den Boden. Von Spundwänden fehlte jede Spur und es war großes Glück, dass bei den gefährlichen Arbeiten keine Toten zu beklagen waren. Eine weitere Baumaßnahme, welche heute wie selbstverständlich benutzt wird, ist die „neue Kemmathstaach“. Die breite Straße vom Dorfkern in Richtung Kemmathen forderte ebenso das Engagament der damaligen Virnsberger und deren Schmalz in den Armen. Bei den Baumaßnahmen sollen auch alte Stollen des Schlosses offen gelegt worden habe sie wieder verfüllt. Vom 17. Januar 1967 bis zum Samstag, 30. November 1968 wurde gemäß Stundenbuch der Gemeinde Virnsberg das Jugendheim in „8748,5 [stunden] unentgeltlicher, freiwilliger Arbeit“ erbaut. Der anstehende Verkauf des Pfarrhauses im Jahr 2021 verlagert das bis dato dort platzierte Pfarrbüro in das Jugendheim. Zukünftig werden keine Gästegruppen mehr das Jugendheim nutzen können. Stefan Sporer übte das Amt des Gemeindedieners aus und verkündete unter läuten einer Handglocke die Bekanntmachungen im Dorf. Darunter fielen politische Neuigkeiten genauso, wie wenn zum Beispiel eine Kuh notgeschlachtet und ausgepfündelt werden musste. Virnsberg ist alles andere als eine Faschingshochburg. Im Jahr 1966 konnten sich aber selbst die Virnsberger nicht der Faschingsstimmung erwehren. Die Nürnberger Faschingsgesellschaft „entführte“ ihren Faschingsprinzen, den damals überall bekannten Komiker Herbert Hisel auf Schloss Virnsberg in den dortigen Keller. Ein Sturm zur Befreiung des Prinzen ereilte die Burg. Neben der Faschingsgesellschaft schlossen sich auch viele Virnsberger an. Von diesem Tag zeugt glücklicherweise auch ein Kurzfilm des Bayerischen Rundfunks.

Eingemeindung

Für den weiteren geschichtlichen Verlauf des Dorfes war insbesondere die bayerische Gebietsreform ein zentraler Meilenstein. ab dem Mai 1978 löste die eingemeindung in die Marktgemeinde Flachslanden die administrative selbstverwaltung Virnsbergs mit eigenem Gemeinderat und Bürgermeister auf. Veränderungen sind steter Begleiter des Dorfes, genauso aber die allgemeine skepsis der Dorfbewohner den selbigen gegenüber - damals wie heute. Widerstand derstand innerhalb der Dorfschaft regte sich, als auch das eingangs erwähnte schulhaus 1980 erstmalig zum Verkauf durch die Gemeinde Flachslanden stand. Die Dorferneuerung der 1990er Jahre verlieh dem Ortsbild ein attraktives Gesicht, ohne jedoch den Charme zu verlieren. Zahlreiche Brunnen wurden neu gestaltet oder an ihrem Standort reaktiviert. Die Dorfstraße fängt sich ab diesem Zeitpunkt von Wanderern, Touristen und tagesgästen immer wieder einmal Komplimente ein, ehe diese nach wie vor vor dem Schlosstor traurig über den verwehrten spontanen Inneneinblick sind. Es bleibt der Blick von der Umrandung des Schlossweihers, der im Virnsberger Volksmund „Wäid“ heißt. Dieser Name dürfte vom süddeutschen „Wette“ kommen. Dieses Wort steht für einen Teich, in den Pferde und andere Zugtiere nach der Arbeit ins Wasser geführt, gesäubert und getränkt werden konnten.

Die Schneidmühle

Doch nicht nur Virnsberg allein zog über lange Jahre Gäste von außerhalb an. In Kemmathen war es die „Schneidmühle“, die über die Jahrzehnte hindurch für regen Publikumsverkehr sorgte. Als klassische Mühle hatte das Gebäude in der Nachkriegszeit schon lange ausgedient. Stattdessen hielt die Hotelerie, Gastronomie und das Vergnügungsgeschäft jedweder Art Einzug. Vom seriösen Hotelgeschäft der 1950er Jahre hielten insbesondere die amerikanischen Soldaten während des Vietnamkriegs wenig. Der Whisky floss in Strömen und als Taxi für den Kneipenbesuch mussten da schon einmal Hubschrauber herhalten, die wiederum für reichlich flüssigen Nachschub sorgten und die Whisky-Pakete direkt im Schneidmühl-Weiher abwarfen. Aber auch die Virnsberger waren dem Treiben nicht abgeneigt und bedienten fleißig die Jukebox. Kurzfristiger Rotlichtbetrieb gehört ebenso zur Vita der Mühle. Über lange Jahre war die Schneidmühle danach ein Treffpunkt für Motorradfahrer, welche in Strömen sonntags auf der Seeterasse den Ausblick in ihrer Lederkombi genossen. Billiardtisch, Spielautomaten, Dartscheibe, Rockerflair - auch dieses Ambiente zog die Dorfbewohner mit großer Begeisterung an den Schneidmühl-Weiher. Höhepunkt der Motorradausflüge waren die 1990er und die Anfänge der 2000er Jahre. „Jenny“, die gute Seele der Schneidmühle, arbeitete für Drei, nachdem es den Wirt und Ehemann eher zum Smalltalk hinzog. Als in der Folge die Eigentümer abermals wechselten, war die „Mühle“ - oder viel mehr die nahe gelegenen Wiesen - sogar einmal Ausrichtungsort für eine überaus gut besuchte, aber semi-legale Raverparty. Eine Hundertschaft Polizei mit vielen Drogenhunden begleitete das bunte Treiben, welches ein ganzes Wochenende das Tal mit Bassklängen und unzähligen Gästen bereicherte. Selbstredend, dass auch hier die Virnsberger Neugierde durch Besuche und Mitfeiern vor Ort gestillt wurde. Seriöser wollte es der nächste Eigentümer angehen, dessen Konzept einer guten Küche, Hochzeitslocation und Musikabende auf besonders große Resonanz stieß und dem Gebäude neues Leben einhauchte. Ein Augenschmaus war die Schneidmühle Mitte der 2000er insbesondere in den Abendstunden. Dekorativ und großzügig illuminiert zog sie die Blicke bereits beim Herabfahren der Staach auf sich. Stimmungsvolle Konzerte in lauen Sommernächten haben den Nagel auf den Kopf getroffen. Jedoch ließ die mangelnde Lust oder Fähigkeit zum Kassieren der Rechnungen und Organisieren der Abläufe die Geschäftsidee schnell den Bach runter gehen. Seitdem wird die Schneidmühle nicht mehr gastronomisch genutzt und schließlich 2017 als Wohnhaus an eine Privatperson verkauft.

Gegenwart und Zukunft: Traditionen, Weltoffenheit, Gemeinschaftssinn, Moderne

Man könnte Virnsberg allein wegen seiner Größe in die Kategorie „Irgendwo und Nirgendwo“ einordnen. Dennoch ist das Dorf als beliebter Ausflugsort bekannt. Sogar den ehemaligen Innenminister Thomas de Maizière durfte das Gasthaus „Zum Kreuz“ bereits mehrfach auf seiner Gästeliste wissen. Als jüngstes historisches Ereignis im negativen Sinne darf das Jahrhundert- Hochwasser am 29. Mai Virnsberger Doppeljubiläum 2021 391 Virnsberg 2016 bezeichnet werden. Am besagten Tag fielen innerhalb einer Stunde circa 120 Liter Regen auf dem Quadratmeter und sorgten dafür, dass sich auf der Virnsberger Steige ein reißender Strom bildete. Aus den Wäldern am Höllgraben schossen Fluten über die Wiesen. Sämtliche wasserführenden Bäche in der Renngass‘ waren nur noch ein einziger See, Keller in Virnsberg wurden überflutet und die braune Brühe bahnte sich gebündelt den Weg durch Sondernohe. In Kemmathen war eine Zeit lang keine einzige Wiese mehr um das Dorf herum zu erkennen, alle Schneidmühlweiher liefen über. Mehrere Zentimeter große Hagelkörner fielen vom Himmel. Gullydeckel, die teilweise auch unter der Erde lagen, wurden durch den Wasserdruck in die Luft geschossen und hinterließen große Krater. Die Schäden waren enorm.

Bräuche und Traditionen

Geprägt ist der Jahresablauf stark von den verschiedenen Vereins-, Dorfjugend- und Kirchenaktivitäten innerhalb des Dorfes. Obendreingestalten verschiedenste Traditionen den Jahreskalender. Die kirchlichen Prozessionen, insbesondere zu Fronleichnam, sind Indikator für die tiefv erwurzelten, katholischen Gepflogenheiten. Daran beteiligen sich aber auch nicht selten über den ökumenischen Kontext hinaus die in Virnsberg heimischen Andersgläubigen. Grillfeste am Busplatz/Turnplatz und Osterfeuer sorgen für gesellschaftliche Zusammenkünfte, welche in der jährlichen Kerwa mit Kerwaumzug ihren absoluten Höhepunkt finden. Ansonsten darf an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben, dass das gemeinsame Singen in Virnsberg sinnbildlich für gesellige Zusammensein ist. Hinzu kommen Bräuche, von denen insbesondere das „Heergräla“ einer kurzen Erklärung bedarf.

Heiratet ein Paar mit Virnsberger Wurzeln kirchlich, so gibt es auf Wunsch ein Heergräla der ‚Junga‘ (die Jungen/Dorfjugend / die Junggesellen). Meist eine Woche vor der kirchlichen Trauung vereinbart das zukünftige Brautpaar mit den ‚Junga‘ einen Abend, an dem das Heergräla stattfindet. Die ‚Junga‘ treffen sich und haben eine Henne bei sich. Es geht gemeinsam zum künftigen Brautpaar, das die Sänger schon erwartet. Bevor jedoch das erste Lied gesungen wird, nimmt einer der ‚Junga‘ die Henne mit in den Hauseingang. Dort soll die Henne, mehr oder weniger freiwillig, einmal laut gackern, um so den zukünftig Verheirateten Glück zu bringen (Huhn als Symbol der Fruchtbarkeit). Danach singen die ‚Junga‘ die ersten beiden Heergräla- Lieder: ‚Ich hab nen Ring aus feinstem Gold‘ sowie ‚Sieh an mein liebes Kind‘. Oftmals werden die Sänger dann mit einem kleinen Umtrunk umsorgt. Als letztes Lied folgt ‚Schön ist die Jugend‘. Bei der dritten und letzten Strophe gehen die Heergräla-Sänger unter dem Singen wieder vom Hof. Es ist fast verständlich, dass die Zahl der Hennenspender eher beschränkt ist, haben doch schon einige Hennen den Stress nicht ausgehalten und konnten nur noch als Suppenhuhn dem Eigentümer zurückgegeben werden.

Virnsberger Liedersammlung, 2. Ausgabe 2019

Aktuell

Um den Kreis zum touristischen „Guide“ der Bayerischen Volkszeitung von 1925 zu schließen, darf an dieser Stelle noch eine kleine Referenz zum Hier und Jetzt erfolgen. Virnsberg erfreut sich nach wie vor touristischer Ausflügler. Die meisten machen im örtlichen Gasthaus „Zum Kreuz“ Station. Das Wirtshaus ist mittlerweiVirnsberger Doppeljubiläum 2021 393 Virnsberg le das einzige im Dorf. Zahlreiche Wanderrouten in den umliegenden Wäldern erfreuen sich großer Beliebtheit. Das Schloss Virnsberg befindet sich nach seiner Übernahme durch einen Münchner Investor in einem Schwebezustand. So recht weiß keiner, was dort die Zukunft bringen wird. Immerhin lässt eine Fassadenbeleuchtung jeden Abend den Turm und den oberen Teil des Schlossgebäudes erstrahlen. In eher unregelmäßigen Abständen zeugen hell erleuchtete Fenster davon, dass sich mehr zu tun scheint, als die Jahrzehnte zuvor. Die Stimmung im Dorf schwankt bezüglich einer angekündigten Schlossrenovierung zwischen Unglaube und Hoffnung auf den Erhalt des Identifikationssymbols. Weitere bauliche Maßnahmen stellen sich mit der Erschließung des Baugebiets „Gartenfeld“ am Schützenhaus im Jahr 2021 ein. Ebenso wird über Baumaßnahmen am Feuerwehrhaus Virnsberg und der Idee eines Dorfgemeinschaftshauses diskutiert. Die Corona-Pandemie hinterließ auch in Virnsberg ihre Spuren im Kultur- und Vereinsleben. Im Jahr 2020 fanden keinerlei Grillfeste oder Vereinsfeste nach dem März (Lockdown) statt. Schützenhaus und Wirtshaus mussten schließen, der Gottesdienst in der Kirche musste aussetzen, sogar der Spielplatz war geschlossen. Das traditionelle Osterfeuer konnte von der Dorfjugend nicht abgehalten werden. Erst im Sommer lockerten sich die Einschränkungen wieder. Die Kerwa war ein Schatten ihrer selbst. Einzig das Gasthaus „Zum Kreuz“ war geöffnet, kein einziges Kerwalied durfte erklingen, der Kerwaumzug wurde auf Video durch die Kerwabuam und -Madli nachgestellt. Die Blaskapelle gab an drei verschiedenen Orten am Kerwasonntag ein kleines Standkonzert und erfreute die wenigen Zuschauer mit den kerwaüblichen Klängen. Die Blaskapelle musste ebenso das Weihnachtskonzert absagen, so dass die Hoffnung auf bessere Zeiten die Virnsberger eint.
SV Virnsberg

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